Ein Stück Schokolade am Nachmittag, süße Getränke im Büro oder die Tüte Gummibärchen am Abend: Zucker gehört für viele Menschen ganz selbstverständlich zum Alltag. Problematisch wird es, wenn aus Genuss ein Muster wird. Wenn der Griff zu Süßigkeiten nicht mehr gelegentlich passiert, sondern fast automatisch. Wenn Menschen sagen: „Ich weiß, dass es mir nicht guttut, aber ich komme davon einfach nicht los.“
Genauso beschrieb es ein Patient unseres Praxiszentrums ViewMed. Der Mann, Anfang 50, beruflich stark in komplizierten Steuerthemen eingespannt, hatte das Gefühl, „zuckersüchtig“ zu sein. Sein Gewicht lag knapp unter 100 Kilogramm bei einer Körpergröße von 1,85 Meter. Für ihn war die drohende dreistellige Zahl auf der Waage das letzte Warnsignal. Bei der Untersuchung und den Laborwerten zeigten sich eine Fettleber im Ultraschall und leicht erhöhte Triglyceride. Der Langzeitzuckerwert HbA1c war noch unauffällig. Der HOMA-Index, ein Hinweis auf die Insulinempfindlichkeit der Körperzellen, war jedoch bereits erhöht.
„Ich betone ganz klar, dass das noch kein Diabetes war. Aber es kann ein Wegweiser in diese Richtung sein“, erklärt Katharina Porst, Fachärztin für Allgemeinmedizin bei ViewMed. „Gerade solche frühen Hinweise sind wichtig, weil man in diesem Stadium noch sehr viel über Ernährung, Darmgesundheit, Bewegung und Stressregulation erreichen kann.“
Warum Zucker den Hunger immer wieder entfachen kann

Medizinisch gilt Zucker nicht als Droge im klassischen Sinn. Trotzdem kann er im Körper Mechanismen anstoßen, die an suchtähnliche Muster erinnern. Zucker aktiviert das Belohnungssystem im Gehirn. Dabei werden unter anderem Botenstoffe wie das bekannte Dopamin ausgeschüttet. Das kann kurzfristig Wohlgefühl erzeugen und den Wunsch nach mehr verstärken. Untersuchungen aus Tiermodellen zeigen, dass wiederholter, übermäßiger Zuckerkonsum unter bestimmten Bedingungen Verhaltensmuster auslösen kann, die an Abhängigkeit erinnern. Dazu zählen Bingeing, Entzugsreaktionen, Craving und Rückfallverhalten.*1
Hinzu kommt die Wirkung auf den Blutzucker. Nach schnell verfügbaren Kohlenhydraten steigt der Blutzuckerspiegel rasch an. Der Körper reagiert mit Insulin, der Wert sinkt wieder. Fällt er stark ab, kann der Körper dies als Energiemangel interpretieren. Die Folge: erneuter Heißhunger, oft wieder auf Süßes oder andere schnelle Kohlenhydrate.
„So entsteht ein Kreislauf“, sagt Katharina Porst. „Man isst Zucker, fühlt sich kurzfristig besser, bekommt aber bald wieder Verlangen. Viele erleben das nicht als freie Entscheidung, sondern als starken inneren Drang.“
Auch der Darm spielt mit
Beim hier beschriebenen Patienten zeigte sich zusätzlich ein Hinweis auf Candida im Darm. Solche Hefepilze können durch ein zuckerreiches Umfeld begünstigt werden. Aus Sicht der funktionellen Medizin ist deshalb nicht nur der Blutzucker wichtig, sondern auch das Darmmikrobiom. Denn Darm und Gehirn stehen über die Darm-Hirn-Achse in engem Austausch.
„Wenn bestimmte Bakterien oder Pilze im Darm überhandnehmen, die Zucker bevorzugen, kann das Verlangen nach Süßem zusätzlich verstärkt werden“, beschreibt Medizinerin Porst die Situation. „Deshalb reicht es oft nicht, nur zu sagen: Essen Sie weniger Süßigkeiten. Als Ärztin muss ich schauen, was im Körper den Heißhunger mit antreibt.“
Was Studien über Zucker und Suchtmechanismen zeigen
Besonders bekannt sind Untersuchungen aus dem Umfeld des Princeton-Forschers Bart Hoebel. In Tiermodellen zeigte sich, dass Ratten unter bestimmten Bedingungen nach wiederholtem Zuckerkonsum Verhaltensweisen entwickelten, die an Abhängigkeit erinnern: starkes Verlangen, Entzugsreaktionen und Rückfälle nach Zuckerentzug. In den beschriebenen Experimenten arbeiteten die Tiere nach einer Zuckerpause stärker für Zucker, konsumierten nach Wiederzugang mehr als zuvor und zeigten Hinweise auf Veränderungen im Belohnungssystem des Gehirns.*2
Natürlich dürfen diese Ergebnisse nicht einfach eins zu eins auf Menschen übertragen werden. Sie zeigen aber, dass Zucker mehr sein kann als nur „leere Kalorien“. Er kann in Belohnungssystem, Essverhalten und Stoffwechselregulation eingreifen. Für die Praxis ist deshalb entscheidend, Betroffene nicht als undiszipliniert abzustempeln.
Zucker steckt oft dort, wo man ihn nicht vermutet
Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt, die Aufnahme freier Zucker auf weniger als zehn Prozent der täglichen Energiezufuhr zu senken. Eine weitere Reduktion auf unter fünf Prozent, genauer gesagt etwa 25 Gramm pro Tag, kann zusätzliche gesundheitliche Vorteile bringen.*3 Im Alltag wird diese Menge jedoch schnell überschritten, auch ohne große Mengen Süßigkeiten. Denn Zucker steckt nicht nur in Schokolade, Kuchen oder Limonade. Auch Fertiggerichte, Soßen, Müslis, Fruchtjoghurts, Wurstwaren oder Tiefkühlprodukte können zugesetzten Zucker enthalten. Viele Menschen unterschätzen deshalb, wie viel Zucker sie täglich wirklich aufnehmen.
„Ich rate Patientinnen und Patienten oft, im Supermarkt einmal bewusst die Rückseite der Verpackungen nachzulesen“, sagt die Fachärztin. „Viele sind überrascht, wo überall Zucker enthalten ist.“
Kleine Schritte statt radikaler Verbote

In der Behandlung setzten wir bei ViewMed bei dem Patienten daher nicht auf ein striktes Verbot, sondern auf eine schrittweise Umstellung. Zunächst wurden Getränke überprüft: Cola, Säfte oder andere zuckerhaltige Getränke lassen sich oft relativ klar und leicht ersetzen. Danach folgte die Anpassung einzelner Mahlzeiten.
Katharina Porst empfiehlt grundsätzlich ein einfaches Teller-Modell: Die Hälfte des Tellers sollte aus Gemüse, Salat und ballaststoffreichen Lebensmitteln bestehen. Ein Viertel aus Eiweißquellen. Maximal ein Viertel aus Kohlenhydraten – möglichst als komplexe Variante, etwa Vollkornprodukte, Vollkornreis oder Kartoffeln. Solche Kohlenhydrate lassen den Blutzucker langsamer ansteigen und sättigen länger.
Auch Ballaststoffe können helfen, das Darmmilieu zu verändern. Dazu zählen etwa Gemüse, Kohlsorten, Zwiebeln, Knoblauch, Flohsamenschalen oder resistente Stärke aus gekochten und abgekühlten Kartoffeln oder auch Reis. Ergänzend können fermentierte Lebensmittel wie Sauerkraut und Kimchi sowie Probiotika sinnvoll sein.
Alternativen bei Süßhunger-Attacken anbieten
Wichtig ist, für typische Risikomomente konkrete Alternativen zu finden. Wer am Nachmittag regelmäßig Süßes benötigt, kann unter anderem Naturjoghurt mit Beeren, Nüssen, etwas Leinöl und Kakaonibs ausprobieren. Das nimmt den Wunsch nach etwas Süßem ernst, belastet den Blutzucker aber weniger stark als Industriezucker. Auch Stress spielte im aktuellen Fallbeispiel eine wichtige Rolle. Der Patient griff besonders in belastenden Phasen zu Süßigkeiten. Deshalb gehörten Entspannungsverfahren ebenfalls zum Behandlungskonzept: Atemübungen, Spaziergänge, Meditation oder andere Routinen, die individuell funktionieren.
„Viele Menschen essen Zucker nicht nur aus Hunger, sondern als Stressregulation“, so Katharina Porst. „Wenn man diesen Anteil übersieht, wird eine Ernährungsumstellung unnötig schwer.“
Nicht alles auf eigene Faust einnehmen
In der funktionellen Medizin können zusätzlich Mikronährstoffe wie Vitamin D, Zink, Chrom, Magnesium oder Omega-3-Fettsäuren überprüft werden. Auch Pflanzenstoffe wie Berberin werden im Zusammenhang mit Insulinresistenz diskutiert. Solche Mittel sollten jedoch nicht ohne ärztliche Rücksprache eingenommen werden. Wenig bekannt: Auch pflanzliche Substanzen können Wechselwirkungen mit Medikamenten bewirken. Ein bekanntes Beispiel ist Johanniskraut, das unter anderem die Wirkung verschiedener Arzneimittel beeinflussen kann.
Unser Patient befindet sich aktuell noch in der Therapie. Er hat seine Getränke umgestellt, den Koffeinkonsum reduziert, Entspannungsroutinen begonnen und zwei Mahlzeiten am Tag bewusster gestaltet. Süßigkeiten sind nicht vollständig aus seinem Alltag verschwunden, aber er konsumiert sie deutlich seltener.
Für seine Ärztin ist genau das der realistische Weg: „Von null auf hundert funktioniert fast nie. Entscheidend ist, dass Patientinnen und Patienten verstehen, was in ihrem Körper passiert, und dann Schritt für Schritt handlungsfähig werden.“
Fazit
Zucker ist keine Droge im klassischen medizinischen Sinn. Trotzdem kann hoher Zuckerkonsum suchtähnliche Mechanismen fördern, den Stoffwechsel belasten, das Darmmikrobiom verändern und Heißhunger immer wieder neu anfeuern. Wer das Gefühl hat, dem eigenen Zuckerkonsum ausgeliefert zu sein, sollte sich selbst deshalb nicht nur Disziplinlosigkeit vorwerfen. Sinnvoller ist eine medizinische Einordnung: Blutzucker, Insulinregulation, Leber, Blutfette, Darmgesundheit, Stress und Mikronährstoffe können gemeinsam betrachtet werden. Denn manchmal beginnt der Weg aus dem Zucker-Kreislauf nicht mit einem Verbot, sondern mit dem ersten verstandenen Zusammenhang.
Quellen:
*1 Avena, N. M., Rada, P., Hoebel, B. G.: Evidence for sugar addiction: Behavioral and neurochemical effects of intermittent, excessive sugar intake. Neuroscience & Biobehavioral Reviews. 2008; 32(1): 20–39. DOI: 10.1016/j.neubiorev.2007.04.019.
*2 Hoebel, B. G., Avena, N. M., Bocarsly, M. E., Rada, P.: Natural addiction: A behavioral and circuit model based on sugar addiction in rats. Journal of Addiction Medicine. 2009; 3(1): 33–41. DOI: 10.1097/ADM.0b013e31819aa621.
*3 World Health Organization: Guideline: Sugars intake for adults and children. Geneva: World Health Organization; 2015.
Medizinischer Hinweis: Dieses Fallbeispiel und dieser Beitrag beschreiben einen individuellen Behandlungsverlauf. Sie ersetzen keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Therapie. Ob und welche Untersuchungen oder Behandlungen sinnvoll sind, sollte immer im persönlichen ärztlichen Gespräch und auf Grundlage der individuellen Befunde entschieden werden.
Inhaltlicher Hinweis: Die genannten Arbeiten beschreiben hauptsächlich tierexperimentelle Modelle und neurobiologische Mechanismen. Sie belegen nicht, dass Zucker beim Menschen im schulmedizinischen Sinn als klassische Droge oder Suchtdiagnose einzuordnen ist. Sie stützen jedoch die medizinische Einordnung, dass hoher Zuckerkonsum suchtähnliche Muster, Heißhunger und Rückfallverhalten begünstigen kann.
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